Das 18. Treffen der Außenminister von China, Russland und Indien hat am vergangenen Freitag als Videokonferenz stattgefunden. Der Satz im anschließenden gemeinsamen Kommuniqué, wonach die Außenminister „den Olympischen Winterspielen und Paralympics Beijing 2022 ihre Unterstützung aussprechen“, hat weiten Widerhall gefunden. Die USA und einige ihrer Verbündeten, darunter Großbritannien und Australien, erwägen einen „diplomatischen Boykott“ der Beijinger Winterspiele. In den letzten Jahren hat sich Neu-Delhi geopolitisch an Washington angenähert und zeigt sich bei einigen Fragen feindlich gegenüber Beijing. Vor diesem Hintergrund hat Indiens Unterstützung Netzbürger im In- und Ausland in Erstaunen versetzt.

Über die Olympischen Winterspiele Beijing 2022 hinaus, vermeldet das Kommuniqué auch auf anderen Gebieten den Konsens der drei Außenminister. Hinsichtlich der COVID-19-Pandemie unterstrichen sie „die Notwendigkeit einer fortgesetzten Zusammenarbeit unter anderem durch gegenseitige Belieferung mit Impfstoffen, Technologietransfer, Entwicklung lokaler Produktionskapazitäten und die Unterstützung von Lieferketten für Medizinprodukte.“ Sie stimmten darin überein, dass die Zusammenarbeit zwischen China, Russland und Indien „nicht nur zu deren eigenem Wachstum beiträgt, sondern auch zum Weltfrieden, zur Sicherheit, zur Stabilität und zur Entwicklung.“ Darüber hinaus riefen sie „zur sofortigen und ungehinderten humanitären Hilfe für Afghanistan“ auf.

Dies zeigt zur Genüge, dass sich die bilateralen Beziehungen zwischen China und Indien trotz des Fortbestandes des Grenzstreites nicht auf Konfliktbegrenzung beschränken. Beide Seiten haben auf verschiedenen Gebieten viele gemeinsame Interessen. Die beiden Länder können sich um die Vermeidung von Konflikten bemühen, indem sie anknüpfen an die Zusammenarbeit, die vor dem Jahr 2020 Bestand hatte.

Indiens Haltung gegenüber den Winterspielen in Beijing verdeutlicht, das Neu-Delhi ein hohes Maß an diplomatischer und strategischer Autonomie bewahrt hat. Trotz der engen Beziehungen des Landes zu den USA, lehnt sich Indien nicht in allen regionalen und internationalen Fragen an die Vereinigten Staaten an. Neu-Delhi ist schlichtweg kein „natürlicher Verbündeter“ Washingtons.

Indien hat wie seine Verbündeten Japan und Australien seine Zusammenarbeit mit den USA verstärkt, darüber aber nicht seine Kooperation mit China, Russland und anderen Mitgliedern der Shanghai Cooperation Organisation und der BRICS-Staaten aus den Augen verloren. Auf diplomatischem Parkett versucht Indien sich flexibel zwischen den Großmächten zu bewegen und bemüht verschiedene Mechanismen, um seinen Handlungsspielraum zu erweitern.

„Indien sendet ein positives Signal an die Welt, dass es versuchen will, die Spannungen mit China zu überwinden und die bilateralen Beziehungen nach einer Zeit der Verschlechterung zu stabilisieren,“ sagte Qian Feng, Direktor der Forschungsabteilung des National Strategy Institute an der Tsinghua-Universität, gegenüber der Global Times. „Um jedoch den toten Punkt in den gegenwärtigen Beziehungen überwinden zu können, bedarf es größerer Anstrengungen. Mehr Geduld ist erforderlich. Beide Seiten müssen die Herausforderung durch verstärkten Dialog und vermehrte Konsultationen angehen.“