US-Präsident Joe Biden bei der Rede (Foto von VCG)

Zwei Jahre in Folge stand das wichtigste Treffen der Welt zur internationalen Sicherheitspolitik - die Münchner Sicherheitskonferenz –unter dem Motto „Westlessness“, was als „Westlosigkeit“ frei übersetzt werden kann. Auf der Website beschreiben es die Organisatoren der Konferenz selbst als „ein weit verbreitetes Gefühl des Unbehagens und der Rastlosigkeit angesichts wachsender Unsicherheit über die Zukunft und Bestimmung des Westens.“ Die Unruhe, die hinter diesem Gefühl der Unzulänglichkeit des Westens steht, schien am Freitag endlich beendet werden zu können, als führende Vertreter wichtiger westlicher Länder, wie US-Präsident Joe Biden, Bundeskanzlerin Angela Merkel, sowie führende Vertreter der NATO und anderer internationaler Organisationen in einer Live-Übertragung im Internet ihre Ansichten über „Beyond Westlessness" teilten. Das Thema der diesjährigen Veranstaltung legt nahe, dass diese „Westlosigkeit“ nun überwunden werden könnte.

Analysten sagen, dass die Konferenz am Freitag eine Art „Aufwärm-Party" zur Erneuerung der transatlantischen Zusammenarbeit inmitten eines subtilen Gezeitenwechsels über den Atlantik darstellte. Die europäischen Staats- und Regierungschefs zeigten sich auf der Konferenz erleichtert, dass der neue US-Präsident versicherte, „eng" mit Europa zusammenzuarbeiten. Sie applaudierten Washingtons Entscheidungen, dem Pariser Abkommen wieder beizutreten und den Rückzug aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rückgängig zu machen.

Trotz all des Optimismus gibt es aber weiterhin auch viele Meinungsverschiedenheiten zwischen den westlichen Verbündeten, wie zum Beispiel in der Energiepolitik in Bezug auf das Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2 sowie den jüngsten Streit um die Lieferung von medizinischer Ausrüstung und die Verteilung derCorona-Impfstoffe.

Gleichzeitig können eine Reihe globaler und dringender Herausforderungen wie die Coronavirus-Krise, die wirtschaftliche Rezession, der Klimawandel und die Armut nicht allein vom „Westen" ohne den Rest der Welt gelöst werden - ganz egal wie „westlich" der Westen die Welt auch sieht. Unglücklicherweise zeigten die Redner auf der Münchner Sicherheitskonferenz jedoch immer noch eine anhaltende Mentalität des Kalten Krieges, die zwischen „wir" und „sie" unterscheidet.

In der Tat ist eine von Nostalgie inspirierte Rückkehr zur Betonung der Überlegenheit der westlichen Kultur und Stigmatisierung von Unterschieden zu einer mächtigen Kraft geworden. Die Anhänger des westlichen Zentrismus stellen die Welt gerne in antagonistischen Begriffen dar, die von „Herausforderung" über „Wettbewerb" bis hin zu „Konfrontation" reichen. Damit schüren sie die Ängste vor einer anderen Zivilisation.

Doch die Betrachtung einer miteinander vernetzten Welt durch eine vereinfachende binäre Linse könnte die Realität verschleiern. In Wirklichkeit sind die schwerwiegendsten Bedrohungen transnationaler Natur und sie nehmen keine Rücksicht auf Unterteilungen in Nord, Süd, Ost oder West. Anstatt zu versuchen, die vom Westen geführte Weltordnung von gestern zu bewahren, sollten deshalb jetzt alle nach vorne schauen und eine umfassendere Weltordnung für die Zukunft schaffen.

Die immer noch wütende COVID-19-Pandemie hat die Menschheit einmal mehr daran erinnert, dass globale Probleme globale Anstrengungen erfordern und dass die Zukunft aller Länder miteinander verbunden ist. Über die „Westlosigkeit" hinauszugehen, bedeutet nicht, sich auf die Verfolgung westlicher Selbstbehauptung zurückzuziehen.

Wie UN-Generalsekretär Antonio Guterres auf der Konferenz sagte, muss der Westen verstehen, dass „die Welt jetzt viel multipolarer ist". Folglich müsse der Westen „in einen sinnvollen Dialog und eine Zusammenarbeit mit anderen wichtigen Akteuren auf der globalen Bühne eintreten."

Um eine stärkere globale Rolle in der heutigen Welt zu spielen, müssen sich die westlichen Länder über ihre ideologische Voreingenommenheit hinwegsetzen und ihre Kräfte mit Ländern bündeln, die unterschiedliche Gesellschaftssysteme, Kulturen und eine andere Geschichte haben und sich in verschiedenen Entwicklungsstadien befinden. Nur so kann zusammen für den Wohlstand in einem einzigen „globalen Dorf“ gearbeitet werden, an dem wirklich alle beteiligt sind.