Die Biden-Regierung unternimmt vor dem virtuellen G7-Treffen einen weiteren Schritt, um Amerikas Verhältnis zu den Verbündeten zu reparieren und China einzudämmen. Mit ihren "seltsamen Bettgenossen" könnten sich die USA den Versuch jedoch sparen, glauben chinesische Beobachter.

Der virtuelle G7-Gipfel gilt bislang als die erste großangelegte multilaterale diplomatische Veranstaltung für den neuen US-Präsidenten. Dabei werden, so Reuters, Themen wie der Kampf gegen COVID-19 und den Klimawandel, die Erholung der Weltwirtschaft und auch der Umgang mit der „Herausforderungen durch China“ behandelt.

Erst am Mittwoch und Donnerstag fand ein Treffen der 30 NATO-Mitglieder statt, bei dem das größte militärische Bündnis der Welt eine Reihe von Herausforderungen, einschließlich deren durch China und Russland, diskutierte. Am Donnerstag traf sich der US-Außenminister Antony Blinken unter anderem virtuell mit seinen Amtskollegen aus Japan, Australien und Indien im Rahmen des „Quartetts“ vor allem um China im Indopazifik einzuschränken. Nun folgt das G7-Treffen. Ein Versuch der Biden-Regierung, um zu unterstreichen, dass der vertrauenswürdige „Captain America“ nun zurück auf der G7-Bühne ist – nach der vierjährigen "America First"-Politik von Donald Trump, glauben chinesische Analysten.

Der Westen wurde einst von den USA dominiert. Aber dass die USA nach den jüngsten innenpolitischen und internationalen Veränderungen in Führung bleiben, sieht Shen Yi, Professor an der School of International Relations and Public Affairs der Fudan-Universität, skeptisch. „Ich glaube nicht, dass die USA die Führung von China im Kampf gegen das Virus, den Klimawandel und den multilateralen Handel zurückerobern können.“, stellte der Experte fest.

Cui Hongjian, Direktor der Abteilung für europäische Studien des China Institute of International Studies, sagte der Global Times am Freitag, dass die G7-Mitglieder eher politisch als praktisch seien und versuchen würden, den Eindruck einer „westlichen Einheit" zu vermitteln. Die Agenda des G7-Treffens spiegele die beiden Prioritäten der Biden-Administration wider: Pandemiebekämpfung und wirtschaftliche Erholung. Allerdings stecken die G7-Mitglieder jedoch in beiden Bereichen selbst immer noch im Schlamassel. Eine besonders einflussreiche Entscheidung werde es diesmal nicht geben. „Sie werden wahrscheinlich über eine stärkere Zusammenarbeit im Rahmen der WHO und über Reformen diskutieren, die mehr den Willen des Westens widerspiegeln", bemerkte Cui.

Beobachter wiesen zudem darauf hin, dass die Streitigkeiten über den Handel, vor allem über Zölle und Regeln, eine Barriere zwischen den USA und den anderen G7-Mitgliedern darstellen. Ohne eine signifikante Änderung von Trumps Politik wäre es für Washington schwierig, das Vertrauen der G7-Mitglieder zurückzugewinnen.

Nach Hochrechnungen von Cui werden die USA die "Angst vor einer zu großen Abhängigkeit von Chinas Wirtschaft" nutzen, um einen neuen G7-Konsens zu erzielen und Regeln aufzustellen, die Chinas Entwicklung eindämmen. Doch die Möglichkeit, diese Vision erfolgreich umzusetzen, sei gering, da andere Länder ihre eigenen Interessen hätten, führte der Experte aus.

Großbritannien sieht nach dem Brexit die G7 als eine gute Plattform für sein außenpolitisches Engagement. Als Gastgeberland des Gipfeltreffens hat sich das Vereinigte Königreich in jeder Hinsicht auf die Veranstaltung vorbereitet, die die "westliche Einheit" verkörpert. Dazu gehören die jüngsten Maßnahmen wie der Lizenzentzug für den chinesischen Staatssender CGTN und der Gewährung von sogenannten „British National Overseas“-Pässen, die Hongkongern einen Weg zur Beantragung der Aufenthaltsgenehmigung und Staatsbürgerschaft eröffnen.

Die Briten wollten ihre "besondere Beziehung" zu den USA wiederherstellen – indem sie Druck auf China ausüben und den USA folgen - um ihren Status als eine Großmacht beizubehalten, erklärte Yang Xiyu, ein leitender Forscher am China Institute of International Studies in Beijing.

Doch dass das Ziel der Briten in nächster Zeit erreicht werden könne, sieht Cui weniger Anzeichen, weil sie derzeit eine widerspruchsvolle Beziehung zu der EU hätten und ihre Rolle in der G7 in Frage stehe. Frankreich und Deutschland würden beim G7-Treffen außerdem den USA entgegenkommen. „Sie werden die Gelegenheit auch nutzen, um Bedingungen und Forderungen zu stellen. Die politischen und wirtschaftlichen Widersprüche zwischen Europa und den USA können nicht durch ein paar Treffen aufgelöst werden.“, meinte der Wissenschaftler.

Deutschland und Frankreich als treibende Kraft der EU zielen darauf ab, die EU zu einer unabhängigen Organisation zu machen und gleichzeitig eine angemessene Distanz zu den USA zu wahren, ergänzte Yang.

Japan brauche dabei nur seine Identität als Mitglied der G7 zeigen. Das Land wisse genau, dass es sich mit einer Feindschaft zwischen China und Japan nur selbst zu einem weiteren Australien oder Kanada machen würde, sagte Shen.

Als die Staatengruppe gegründet wurde, gehörten die G7-Mitglieder zu den mächtigsten Ländern der Welt. Doch nach dem Kalten Krieg hat sich die G7 auf einen schnellen Weg der Spaltung begeben, wobei ihr Einfluss sowohl wirtschaftlich als auch politisch zurückgegangen sei, fuhr Yang fort.