Dass sowohl die E-Commerce-Branche als auch der Sektor der künstlichen Intelligenz (KI) in China derzeit eine Boom-Phase erleben, ist bekannt. Nun wird aber deutlich, dass die beiden Sektoren sich auch gegenseitig befeuern. Immer mehr werden zum Beispiel KI-gesteuerte Gastgeber für Livestreams eingesetzt. Diese tragen maßgeblich zum Umsatz von Unternehmen bei.

Ein Livestreaming-Moderatorin stellt zusammen mit einem KI-Figurchen während des Shopping-Fests zum Singles´ Day im November 2020 vor.

Im Laufe der Jahre haben sich von künstlicher Intelligenz (KI) gesteuerte Verkäufe zu einer neuen Kraft in Chinas schnell wachsender Livestreaming-E-Commerce-Branche entwickelt, in der virtuelle Avatare jubeln, tanzen und rappen, um Produkte in den Live-Shows zu bewerben.

Während Chinas jährlichem „Doppel Elf"-Shoppingfest um den 11. November nutzten auch mehrere Marken wie Philips, L'Oreal, Unilever und L'Occitane solche virtuellen Moderatoren („Hosts“), um ihre Produkte den ganzen Tag online zu bewerben.

In den letzten Jahren haben Chinas Online-Verkaufsstellen und -Marken zunehmend Social-Media-Beeinflusser (oft als „Influencer“ oder KOL bezeichnet) mit einer großen Fangemeinde oder professionelle Verkäufer eingestellt, um ihre Produkte per Livestreaming zu bewerben. Während der Livestream-Moderator die Produkte präsentiert, erscheinen auf dem Bildschirm Produktlinks und Gutscheine für die Zuschauer.

Chinas große Online-Shopping-Plattformen wie Taobao und sein Rivale JD.com haben beide ihre eigenen Livestreaming-Plattformen - Taobao Live und JD Live - ins Leben gerufen, mit denen sie den Trend zum Livestreaming-E-Commerce noch einmal verstärkt haben.

Die Zahl der Livestreaming-E-Commerce-Nutzer in China belief sich im Juni auf rund 309 Millionen. Das entspreche etwa einem Drittel der Gesamtzahl der Internetnutzer in China, so ein im September veröffentlichter Bericht des China Internet Network Information Center.

Der Gesamtumsatz der Livestreaming-E-Commerce-Branche des Landes erreichte 2019 433,8 Milliarden Yuan (66 Milliarden US-Dollar). Laut einem gemeinsamen Bericht der globalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und AliResearch wird sich diese Zahl bis Ende 2020 voraussichtlich sogar noch einmal verdoppeln.

Gleichzeitig drängen auch virtuelle von KI betriebene Moderatoren in die Branche, da sie laut Brancheninsidern eine kosteneffiziente und praktikable Alternative zu realen Mitarbeiten (also Menschen) bieten. Chinas Markt für intelligente KI-Anwendungen und Software erreichte letztes Jahr 2,89 Milliarden US-Dollar, wie ein Bericht des IDC (International Data Corporation) zeigt.

Im Livestreaming-E-Commerce würden diese KI-Hosts jedoch immer noch als neue Akteure gelten, so Experten der E-Commerce-Plattform Alibaba.

Der KI-Moderator, der von der Damo-Akademie von Alibaba entwickelt wurde, kann seine Mimik und Gestik so anpassen, dass er die gewünschte Wirkung erzielt. Wenn der virtuelle Gastgeber zum Beispiel „OMG" [kurz für „Oh my god“, auf Deutsch: „Oh mein Gott“] schreit, entsprechen Mimik und Körpersprache dem Ausdruck der Überraschung.

In den Livestreams der beliebten Snack-Firma „Three Squirrels“ erscheint ein süßes, kurzhaariges Cartoon-Mädchen, nachdem der menschliche Gastgeber gegangen ist. Dieses „Mädchen“ stellt dann Hunderte von Snacks vor, die von der Marke angeboten werden.

Statistiken von Three Squirrels zeigten, dass durch die Livestreams vom 1. bis 3. November ein Umsatz von acht Millionen Yuan (1,26 Millionen US-Dollar) erzielt wurde. Der vom KI-Moderator erwirtschaftete Umsatz habe dabei fast dem des echten Gastgebers entsprochen, sagte Li Shucai, der für das Livestreaming-Geschäft der Marke verantwortlich ist.

Zhao Kun, der die Entwicklung der KI-Moderatoren an der Damo Academy von Alibaba leitete, erklärte, die Technologie erfordere eine Reihe komplexer Algorithmen und Techniken, einschließlich visueller, akustischer und natürlicher Sprachverarbeitung, damit der Avatar mit den Zuschauern interagieren könne.