Von Oliver Eschke, Beijing

Die Nachrichten im Jahr 2020 werden bislang vom neuartigen Coronavirus dominiert, das wenig Platz für anderes lässt. Doch auch in diesen turbulenten Zeiten hat China sein Ziel nie aus den Augen verloren: 2020 ist das Jahr, in dem die absolute Armut beseitigt wird. Wie hat China das geschafft?

Um Chinas beeindruckende Entwicklung zu veranschaulichen, gibt es etliche Zahlen: 2019 überstieg das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen 10.000 US-Dollar, die Lebenserwartung beträgt mittlerweile 77 Jahre, 1949 waren es 35 Jahre, 95 Prozent der armen Bevölkerung und 90 Prozent der armen Landkreise sind der Armut entkommen… Eigentlich reicht aber der Blick auf eine einzige Zahl: über 750 Millionen. So viele Menschen wurden seit 1978 aus der absoluten Armut [jährliches Pro-Kopf-Einkommen unter 2300 Yuan] befreit. Dieses Jahr soll auch der Rest, noch circa sechs Millionen Menschen, befreit werden. Diese Bilanz wurde auch von internationalen Organisationen wie der Vereinten Nationen und der Weltbank gelobt. Selbst der US-Politiker Bernie Sanders erkannte 2019, dass China „mehr Fortschritte zur Lösung des Problems der extremen Armut erreicht als jedes andere Land in der Geschichte der Zivilisation."

Natürlich sind unzählige Faktoren entscheidend, aber im Wesentlichen lassen sich drei wichtige Eckpunkte für den Erfolg ausmachen.

1.Klare Führung und klare Ziele

Chinas Führung, allen voran Präsident Xi Jinping, misst dem Ziel, die absolute Armut zu beseitigen, die größte Wichtigkeit bei. Im Oktober letzten Jahres, anlässlich des 6. Nationalen Armenhilfetags, hatte Xi abermals betont, dass die KP Chinas seit der Gründung der Volksrepublik unbeirrt gemäß dem Grundsatz, „dem Volk mit Leib und Seele zu dienen", gehandelt habe. Das Ziel genießt deshalb höchste Priorität und ist in wichtigen Dokumenten wie dem 13. Fünf-Jahresplan verankert. Auch in der aktuellen schwierigen Phase nimmt der Präsident sich die Zeit, um selbst vor Ort über die Entwicklung zu informieren. Auf seiner Inspektionsreise in die Provinz Shanxi in der letzten Woche besichtigte er unter anderem das Taglilien-Anbauzentrum im von Armut geprägten Bezirk Yunzhou. In den letzten Jahren wurde diese Industrie so erfolgreich gefördert, dass sich mittlerweile 15.000 Familien aus der Armut befreien konnten. Präsident Xi redete mit den Arbeitern und zeigte dabei einmal mehr seine Wertschätzung gegenüber den einfachen Arbeitern.

2.Geografische Besonderheiten berücksichtigen

Im Oktober 2018 auf dem 19. Parteitag der KP Chinas betonte Xi, dass es gelte, „die Armen zweckdienlich und präzise zu unterstützen." China ist nicht nur Beijing und Shanghai, sondern auch die Wüste Gobi und das Hochland von Tibet. Vor allem in diesen geografisch schwierigen Gegenden ist die Armut traditionell höher. China hat deshalb die Strategie verfolgt, für jede Gegend individuell zu handeln. In etlichen Fällen konnte Bewohnern solcher Gebiete effektiv geholfen werden, indem entweder neue Siedlungen für sie geschaffen wurden oder ihre Heimat verbessert wurde, zum Beispiel durch den Bau von Brücken oder Autobahnen. Die vollständig von Gebirgen umgebene Gemeinde Tonglian in der Autonomen Region Guangxi der Zhuang-Nationalität ist so ein Beispiel. Von 2016 bis 2019 wurden 48 Straßen gebaut, womit die Gemeinde mit der Außenwelt verbunden wurde und der Handel florieren konnte. Oder das als „Dorf an der Klippe" bekannte Atulie'er im südwestchinesischen Sichuan – hier konnten die 84 Familien in neue Wohnungen in der Stadt ziehen und mit der Unterstützung der Lokalregierung neue Arbeit finden.

3.Maßgeschneiderte Ansätze und Förderung

Neben geografischen Besonderheiten achtet China auch auf andere lokale Spezialitäten und versucht, diese in Mittel zur Armutsbefreiung zu verwandeln. Die Provinz Qinghai ist eines von zahllosen Beispielen dafür. Die natürlichen Gegebenheiten dort sind günstig für Morcheln, die „Königin der Pilze“. Mit der Hilfe von Wissenschaftlern wurde deshalb der intensive Anbau und der Verkauf von Morcheln gefördert und das Wissen der lokalen Bauern vergrößert. Der Kreis Hefeng in der Provinz Hubei ist ein Beispiel dafür, wie diese lokalen Vorteile in Kombination mit modernen Technologien noch mehr zur Geltung gebracht werden können. Hier wurden den Tee-Produzenten geholfen, den Verkauf ihrer Teeblätter per Livestreaming-Plattformen und somit ihr Einkommen zu steigern.

Auch auf der am Freitag eröffneten 3. Tagung des 13. Nationalen Volkskongresses zeigte Präsident Xi, wie wichtig ihm das Thema ist. Gleich am ersten Tag nahm er an einer Diskussionsrunde mit den Abgeordneten der Inneren Mongolei teil. Geografische Faktoren wie unebene Gebirgsregionen oder starke Wüstenbildungen haben die wirtschaftliche Entwicklung für Teile der Provinz traditionell erschwert. In den letzten Jahren jedoch verzeichnet die Innere Mongolei mit Unterstützung der Regierung hohe Wachstumszahlen - 2019 lag das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen bei über 30.000 Yuan und somit steht die Innere Mongolei auf Provinzebene in dieser Kategorie in der Top-10-Liste des chinesischen Festlandes. Präsident Xi forderte am Freitag deshalb auch, „die Errungenschaften der Armutsbekämpfung in der industriellen Beschäftigung zu konsolidieren und auszubauen.“ Dafür seien weitere große Anstrengungen bei der Armutsbekämpfung, der Umsiedlung und der nachträglichen Unterstützung wichtig. Ein Schlüssel sei dabei „die organische Verbindung zwischen ländlicher Entwicklung und Armutsbekämpfung“ zu fördern, so der Präsident gegenüber den Delegierten.

COVID-19 überwinden

Mittlerweile ist es China weitgehend gelungen, COVID-19 im Inland unter Kontrolle zu bringen. Dies ist auch mit Hinblick auf die Armutsbeseitigung wichtig, denn am 6. März hatte Xi betont, dass die Krankheit überwunden werden müsse, um einen „vollständigen" Sieg im Kampf gegen die Armut zu erringen.

Auch diese letzte Hürde scheint China nun erfolgreich zu nehmen. Der Traum von einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand ist somit zum Greifen nahe. Wie die aktuelle Gesundheitskrise zeigt, wird die Welt von einem China, das sich aus der Armut befreit hat, profitieren. Xis Ankündigung auf der WHO-Versammlung diese Woche, zwei Milliarden US-Dollar zur Verfügung zu stellen, demonstriert Chinas globales Verantwortungsbewusstsein. Und wie China die Welt bereits zuvor mit wichtiger Hilfsausrüstung unterstützt hat, so kann ein prosperierendes China auch in Zukunft einen größeren Beitrag leisten und anderen Nationen helfen, ihre Träume zu verwirklichen.