von Oliver Neschke, Beijing

Im Fußball-Land Deutschland ist es bereits zu einem geflügelten Wort geworden: Das Tor zum richtigen Zeitpunkt. Man spricht zum Beispiel davon, wenn ein Team mit dem Halbzeitpfiff den Ausgleich erzielt und dann mit dieser psychologischen Stärkung optimistisch gestimmt in die zweite Hälfte geht und das Spiel zum Positiven dreht. Kann diese zweite China International Import Expo (CIIE) einen ähnlichen Effekt haben, ein Signal der Aufbruchsstimmung für die kriselnde Weltwirtschaft, ein Tor zum richtigen Zeitpunkt?

„Ein Pionier in der Geschichte des internationalen Handels“

Die Idee zu dieser weltweit ersten auf Import basierten Expo verkündete Präsident Xi Jinping im Mai 2017 auf dem ersten Gipfelforum über die internationale Kooperation im Rahmen der Seidenstraßen-Initiative. Anderthalb Jahre später wurde die Vision bereits Wirklichkeit und ist jetzt im zweiten Jahr bereits ein nicht wegzudenkender Termin im Kalender des Welthandels sowie eine der Top 10 globalen Wirtschafts-Expos. Xi nannte die Messe im Vorfeld „einen Pionier in der Geschichte des internationalen Handels.“ Die Dimensionen dieser zweiten Importmesse, die vom 5. November bis zum 10. November unter dem Motto „Neue Ära, Gemeinsame Zukunft“ stattfindet, sprengen die der letztjährigen Veranstaltungen noch einmal deutlich. Mehr als 3000 Unternehmen aus über 150 Ländern und Regionen nehmen teil. Die Ausstellungsfläche ist von 300.000 auf 360.000 Quadratmeter gewachsen. Dieses Jahr wird der Teilnehmerkreis um etwa 20 neue Länder erweitert. Unter diesen Vorzeichen ist fast davon auszugehen, dass auch das Volumen der abgeschlossenen Deals den Wert im letzten Jahr (52,1 Milliarden Euro) überschreiten wird. Wie auch im letzten Jahr, als das erste fliegende Auto vorgestellt wurde, werden auch in diesem Jahr zahlreiche innovative Produkte aus Bereichen wie Virtual und Augmented Reality ihre Weltpremiere feiern.

Miteinander statt gegeneinander

Abgesehen von diesen beeindruckenden Zahlen und den Erfolgen, die die teilnehmenden Akteure feiern, ist die Messe auch ein klares Zeichen für ein gleichgestelltes Miteinander und Inklusion: „Die CIIE wurde von China ins Leben gerufen, wird aber von der Welt geteilt ... Chinas Markt wird sich in Chancen für die ganze Welt verwandeln und dem Aufbau einer offenen Weltwirtschaft Kraft und Dynamik verleihen", beschrieb beispielsweise Chinas Vizehandelsminister Ren Hongbin. Dieses Jahr sind 15 Länder als Gastländer eingeladen, im vergangenen Jahr waren es 12. Dadurch demonstriert China, dass es den gestaltenden Einfluss gerne mit anderen Ländern teilt, um so den größtmöglichen gemeinsamen Nutzen zu schaffen. Zudem ist die CIIE kein exklusives Treffen der globalen Eliten, sondern ein Austausch zwischen allen Seiten. Neben den Top-500-Unternehmen nehmen auch Unternehmen aus den 40 unterentwickeltsten Ländern an der Messe teil. Damit kann ein wichtiger Beitrag zur Armutsreduktion auf der ganzen Welt geleistet werden.

In seiner Grundsatzrede bei der Eröffnung am Dienstag bestärkte Präsident Xi abermals Chinas Bekenntnis zum freien Handel. China werde an der Politik der Öffnung weiter festhalten und Reformen in diese Richtung vorantreiben. Die Staatengemeinschaft forderte er zum „Aufbau einer offenen, kooperativen, innovativen und teilhabenden Weltwirtschaft“ auf. Die Tendenz der Integration der Wirtschaft aller Länder sei unaufhaltsam, und Probleme könnten nur „mit gleichberechtigter Behandlung und gegenseitigem Verständnis“ gelöst werden. Sehr deutlich sprach sich Xi auch gegen protektionistische Tendenzen aus, statt einer „Entkopplung“ oder einem „Mauerbau“ brauche es noch mehr „Vereinigung“. Zudem betonte er, wie wichtig es sei, nicht die am wenigsten entwickelten Länder zu vergessen, und erinnerte dabei an die UN-Agenda für nachhaltige Entwicklung 2030.

Vor dem Hintergrund dieser Worte eignet sich die CIIE als ideale Veranschaulichung der aktuellen entgegengesetzten Politikansätze der beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Während die von Präsident Donald Trump regierten USA einerseits schwarze Listen erstellen, mit denen sie Unternehmen vom Kauf von US-Produkten ausschließen und in anderen Bereichen wie dem Agrarsektor ausländische Unternehmen fast aggressiv zu Käufen zwingen wollen, lädt China die Welt zu sich ein, um gemeinsam Win-win-Geschäfte zu kreieren. Die CIIE ist somit ein Gegenentwurf zu der derzeitigen US-amerikanischen nationalistischen Nullsummen-Handelspolitik. Vielleicht kann der große Erfolg andere Länder dazu inspirieren, in Zukunft ebenfalls Import-zentrierte Messen zu veranstalten.

Die Bedeutung von Jinbao

Wie im Vorjahr findet die Expo in China im National Exhibition and Convention Center in Shanghai statt. Der Komplex hat die Form eines vierblättrigen Kleeblattes, und genau wie ein Kleeblatt scheint auch dieser Veranstaltungsort zu einem Glückssymbol werden zu können. Schon im Vorfeld scheint das Signal eine positive Wirkung zu entfalten. Die zweite CIIE hat noch nicht einmal begonnen, da meldet das Organisationsbüro bereits über 100 Anmeldungen für die dritte Ausgabe im nächsten Jahr. Die Lust am Freihandel scheint wieder geweckt zu sein. Jinbao, der Name des Maskottchens der CIIE, heißt übersetzt übrigens „Schatz der CIIE“. Er kann aber ebenso als „Reichtum einbringen“ übersetzt werden. China macht klar, dass es diesen Reichtum im Gegensatz zu den USA nicht für sich allein beansprucht, sondern ihn mit anderen Ländern teilen möchte, damit sich die Welt als Ganzes friedlich und harmonisch weiter entwickeln kann.