Ein Kommentar von Ole Döring Zwei Monate nach Beginn der aktuellen Unruhen in Hongkong ist es Zeit für eine vorläufige Bestandsaufnahme. Weiterhin überschlagen sich Nachrichten und Kommentare, der Kampf um die Deutungshoheit ist in vollem Gange.

Was war geschehen? Ein normaler legislativer Akt wurde schlecht kommuniziert. Dabei griff der Eindruck um sich, vermeintliche Interessen Beijings seien wichtiger als die Anliegen der Hongkonger Bürger. So konnte eine Gesetzesinitiative, die im Grunde die Eigenständigkeit Hongkongs gegenüber der Volksrepublik China formalisieren und nach internationalen Standards weiter normalisieren sollte, in eine genau gegenteilige Botschaft umgedeutet werden. Ein Singapurer Hongkong-Experte bemerkt dazu: „Die Demonstranten sollten sich daran erinnern, dass die Auslieferungsgesetzgebung formal zwei Systeme voraussetzt. Wenn es nur ein Land gibt, warum besteht dann ein Bedarf an solchen Gesetzen?“ Das diffuse Misstrauen gegen die eigene Verwaltung mischte sich mit Ängsten aus der Kolonialzeit, die Kontrolle über wichtige Bereiche des eigenen Lebens und Wirtschaftens zu verlieren. Von Anfang an versuchten manche Medien, den Wunsch von friedlich demonstrierenden Hongkongern nach einer vertrauenswürdigen und kompetenten Administration, die den Balanceakt „Ein Land - zwei Systeme" lebendig weiterentwickelt, in eine Kampagne „für mehr Demokratie“ umzumünzen. Sie verfuhren nach der Devise: je weiter entfernt und weniger informiert, desto meinungsstärker! Gerade der friedliche, konstruktive und solidarische Charakter der ersten Großdemonstrationen aber widerspricht dieser Darstellung schon im Ansatz: Hongkong ist eine starke, reife und sensible Demokratie. Die besonnene Haltung Beijings unterstreicht das Vertrauen in die politische Vernunft der Gesellschaft. Zwar besteht ohne Zweifel eine enge Verbindung der Angelegenheiten Hongkongs mit der chinesischen Zentralregierung. Anstatt aber alle Beteiligten im gegebenen Rahmen bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen zu unterstützen, versuchen Unberufene den Zusammenhalt zu zerstören und einen Konflikt mit Beijing herbeizureden. Dabei ist jedem Betroffenen klar, dass es vor allem um eine gute Regierung in Hongkong geht. Zu den Webfehlern des britischen Erbes gehört, dass Hongkong 1997 unvorbereitet aus einer autoritären Herrschaft in ein ganz neuartiges politisches Experiment entlassen wurde. Die eigene wirtschaftliche und strategische Kraft erlaubte es Hongkong über 20 Jahre seine neue Rolle zu finden und in der Gesellschaft zu verankern. Da es hierzu keine Vorbilder und auch keine Anleitungen gab, ist Hongkongs prosperierende Demokratie in China aller Ehren wert. Die chinesische Zentralregierung trug das ihre dazu bei, indem sie sich an die Vereinbarungen des Übergabevertrages hielt: „ein Land, zwei Systeme“. Jetzt äußert die erste Generation junger Hongkonger, die im Geist dieses Versprechens aufgewachsen sind, ihre Enttäuschung gegenüber der Verwaltungsspitze und verlangt Garantien für die eigene Zukunft. Dies hat weder mit dem Wunsch nach einer anderen Demokratie noch mit Abneigung gegenüber Beijing zu tun. Ein Großteil der Hongkonger empfindet sich kulturell als chinesisch. Die aktuell eskalierenden Ereignisse verzerren die Motive und Ziele des Protestes, die von vielen Hongkonger Bürgern unterstützt wurden.

Ehe sich anonyme Gruppen einmischten, waren die Proteste so friedlich, dass deutsche Medien sie als vorbildlich beschrieben: „als würden die Demonstranten gemeinsam auf eine ideale Gesellschaft hinarbeiten. Sie schaffen innerhalb des Protests demokratische Strukturen. Das ist ein sehr toleranter Ansatz. Manche dachten vielleicht, die Demonstranten gingen zu weit, aber es standen auch Tausende um sie herum und feuerten sie an.“ Es fand sich jedoch niemand, der diese Kraft gewürdigt und zur Zusammenarbeit eingeladen hätte. Dieses Versäumnis haben Provokateure in einen Konflikt mit dem fernen Beijing verwandelt. Auch gelten Hongkongs Polizisten verglichen mit Beispielen exzessiver Polizeigewalt in Europa und den USA als besonders maßvoll. Nun gehören ausgerechnet Ordnungskräfte zu den Leidtragenden, zusammen mit den friedlichen Reformern. Es steigert den berechtigten Unmut in der Bevölkerung, wenn die für gesellschaftlichen Frieden zuständige Polizei „zum Sündenbock gemacht wird“. Nur mit Kopfschütteln kann man viele internationaler Medien beobachten. Allzu oft widersprechen sie den fachlichen und ethischen Grundsätzen des Journalismus: weder werden Fakten umfassend gesammelt und Quellen geprüft, ehe berichtet und gewertet wird. Dafür schreiben sie in einer besserwisserischen, manipulativen und polemischen Sprache. Zu recherchieren, bis belastbares Material vorliegt und dies sachlich zu präsentieren: dies scheint für sie nicht in Frage zu kommen. Der Großteil der Hongkonger fühlt sich durch diese Haltung unverstanden und obendrein international gedemütigt. Die Opportunisten und Provokateure verkennen, dass so weder Solidarität noch Verständigung entstehen. Provokateure haben kein Interesse an Klarheit und Wahrheit. Sie wollen größtmögliche Unsicherheit erzeugen. Deshalb setzen sie Kaskaden von Teilinformationen in Gang und nehmen sogar in Kauf, selbst in ihrer destruktiven Rolle erkannt zu werden. Denn all dies diskreditiert diejenigen, die für Ordnung zuständig sind. Diese infame Strategie funktioniert, so lange, wie sie nicht in ihrer Gesamtheit durchschaut und durch eine Geschichte abgelöst wird, die ihr Aufklärung und Hoffnung entgegensetzt. Das kann aber nur funktionieren, wenn es glaubwürdig geschieht. In einem Klima der allgemeinen Verunsicherung ist die Versuchung groß, wie Trump auf die Karte der Macht und staatlichen Gewalt zu setzen. Genau darauf bauen die Kräfte der Eskalation. Die guten Menschen von Hongkong müssen unterstützt werden.

Der Autor ist habilitierter Philosoph und Sinologe. Er lebt und arbeitet zwischen Berlin und Hongkong. Zuletzt hat er die Bildungseinrichtung „Europäisches Zentrum für chinesisches Denken“ mitbegründet. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.